Pinkeln lernen

Eine persönliche Geschichte zum Welttoilettentag

 

Wenn man auf einen Typen steht, und man kennt diesen Menschen noch nicht so lange, dann ist es nicht einfach, die Hosen runterzulassen, sich zu entspannen und – ungefähr einen Meter von seinem Bett entfernt in einen Eimer zu pinkeln.

Tief durchatmen. Mir vorstellen, ich wäre auf einem Festival. Oder auf einer Wanderung. Gelegenheiten, bei denen ich im Hocken pinkele. Komischerweise hat es geholfen, den Arm anzuheben und gegen die Wand zu drücken, so, als würde man die Tür von einem Dixi-Klo zuhalten, bei dem das Schloss kaputt ist. Damit konnte ich mein Gehirn überlisten. Und endlich pinkeln.

Msizi hat ab und zu gekichert. Aber insgesamt, vermute ich, ist ihm dieser Moment weniger lebhaft in Erinnerung geblieben als mir.

Msizi und ich haben uns kennen gelernt, als ich im Sommer 2013 für ein Forschungsprojekt in Südafrika war. Msizi hat mir beigebracht, in einen Eimer zu pinkeln, während er direkt neben mir auf dem Bett sitzt. Ich habe ihm beigebracht, ein Auto zu fahren, während ich direkt neben ihm auf dem Beifahrersitz sitze. (Ich hab’s zumindest versucht. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Msizi lebt in Kalanga, einer informellen Siedlung innerhalb Sowetos. Soweto ist ein ehemaliges Township im Südwesten Johannesburgs – der Name entstand aus der historischen Bezeichnung „South Western Townships“. Während des Apartheid-Regimes war es eines der größten Zwangs-Siedlungsgebiete für schwarze Südafrikaner in dieser Gegend. Viele von ihnen arbeiteten in Johannesburg Minen oder Fabriken.

20 Jahre nach Ende der Apartheid sind die ökonomischen Folgen des Unrechtsregimes nicht überwunden. 47,2% der Gesamtbevölkerung Gautengs, dem „Bundesland“ in dem Johannesburg und Soweto liegen, haben Zugang zu fließendem Wasser innerhalb ihrer Wohnstätte. Innerhalb von Soweto sind es nur 27,6%.1

Msizi gehört nicht zu diesen 27.6%. Wie die meisten Menschen in Kalanga, einem kleinen Teil Sowetos, lebt er in einer Wellblechhütte ohne fließendes Wasser und ohne regulären Stromanschluss. Strom gibt es mehr oder weniger stark, je nachdem ob sein Nachbar zur gleichen Zeit das Licht anhaben will, aus einer illegal angezapften Leitung. Seine Hütte ist ungefähr 11 Quadratmeter groß. In seiner Hütte stehen ein Bett, ein kleiner Tisch mit einer Stereoanlage drauf, ein zweiter, niedriger Tisch mit seinen Kochutensilien – und ein schmaler, hoher weißer Eimer, den er mit einer Plastikscheibe abdeckt.

Als ich lernte, meine Scham zu überwinden und in diesen Eimer zu pinkeln, war es Abend und draußen war es schon dunkel. „Du kannst jetzt nicht zu den Toiletten gehen“, hatte Msizi gesagt, „das ist nicht sicher“. „Und wenn ich vor deine Hütte gehe?“ „Quatsch, da sieht dich der Nachbar“.

Und irgendwie wäre es auch nicht nett gewesen, einem Menschen, den ich gern habe, direkt vor die Haustür zu pinkeln. Fazit: Der Eimer war die beste Wahl.

Msizi hat mir erzählt, dass er sich auch tagsüber, selbst wenn es „sicher“ ist, zu den Toiletten zu gehen, stattdessen oft für seinen Eimer entscheide. Oder für eine leere Seitengasse. Bei Stuhlgang geht er weiter weg, immer den Berg hinunter, bis man zu einem kleinen Fluss kommt, wo weniger Menschen sind. Msizi sagte, er finde es unangenehm, die Toiletten in Kalanga zu benutzen. Denn die einzigen Toiletten, die es dort gibt, sind Dixi-Klos. Kalanga ist nicht an die Kanalisation angeschlossen.

Laut Zithembe, der ein paar Jahre älter als Msizi ist und wie Msizi in einem der beiden Jugendzentren Kalangas arbeitet, teilen sich rund 15 bis 20 Familien je eines der Dixi-Klos. Montags und donnerstags kommt die Stadtverwaltung mit einem großen Laster mit einem dicken, langen Schlauch und leert die Klos. Das reicht aber nicht, sagt Zithembe. „Come Monday, they are already full“. Die Details überlässt er meiner Vorstellungskraft.

Die Klos sind nicht frei zugänglich. Als sie neu waren, war das zwar mal so, erklärt Zithembe. Aber dann kamen oft Leute vom nahe gelegenen Markt und haben diese Toiletten benutzt, sie verschmutzt und beschädigt.

Deshalb sind die Klos jetzt abgeschlossen. Eigentlich, sagt Zithembe, sollte jede Familie einen Schlüssel haben. Aber in der Realität gibt es oft nur einen Schlüssel in einem „central house“. Dort muss man klopfen, wenn man den Schlüssel will.2 Und die Nachbarn wissen Tag und Nacht, wer wann aufs Klo geht, wer Durchfall oder vermutlich seine Tage hat.

Meine Zeit mit Msizi hat mir bewusst gemacht, dass ein privates Wasserklosett keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg ist. Eine Einrichtung, zu der geschätzt 2.5 Milliarden Menschen – rund ein Drittel der Weltbevölkerung – keinen Zugang haben.

Darauf will der Welttoilettentag aufmerksam machen. Und auf all die Probleme, die das mit sich bringt: Frauen, die einem höheren Risiko von Gewalt ausgesetzt sind, wenn sie im Freien ihre Blase oder ihren Darm leeren müssen. Junge Frauen, die nicht mehr zur Schule gehen, wenn sie ihre Tage haben und keine Toilette in der Nähe. Verseuchtes Trinkwasser und dadurch entstehende Krankheiten. Hohe Kindersterblichkeit. Diese Liste ist nicht vollständig.

Als ich gelernt habe, in Msizis Eimer zu pinkeln, habe ich die Bedeutung dieser Probleme mit Haut und Haaren erfahren. Der Welttoilettentag ist wichtig und richtig.

Aber Msizi hat mir eben nicht nur Pinkeln beigebracht sondern auch: dass auch finanziell gesehen arme Menschen täglich unzählige Male zwischen verschiedenen Optionen auswählen – unter anderem, wo sie pinkeln wollen. Dass sie agency haben, wie Sozialwissenschaftler sagen.

Was dies betrifft, sehe ich ich neben der enormen Bedeutung des Welttoilettentags auch eine potentielle Kehrseite der Kampagne: die Möglichkeit, dass der Aktionstag mit seiner Bildsprache, seinen Social-Media-Initiativen und teilweise eher emotionalen Botschaften ungewollt ein verzerrtes Bild von Menschen im globalen Süden verstärkt. Ein Bild, das diese Menschen primär als Opfer darstellt, die „keine Wahl haben“ und stets auf die Hilfe von Menschen aus reicheren Ländern angewiesen sind.

Eine – möglicherweise ungewollte oder unbewusste – bevormundende Tendenz im vorherrschenden Blick auf den globalen Süden befeuert die Vorstellung, finanziell gesehen arme Menschen träfen keine oder nur wenige rationale Entscheidungen.

Die Entwicklungsökonomin Esther Duflo argumentiert im Widerspruch zu dieser Vorstellung. Im Gegenteil, so Duflo, wählen Menschen in Entwicklungsländern tagtäglich etwa im Bezug auf ihre Gesundheit unter mehr Entscheidungsmöglichkeiten aus als Menschen in Industrieländern, weil letzteren viele dieser Optionen bereits im Vorfeld vom Staat unzugänglich gemacht werden.

Ein Beispiel: Ob ich sauberes Trinkwasser gewährleisten will, um mich und meine Familie vor Krankheiten zu schützen, und dafür eine Investition tätige, zum Beispiel in Form von Chlortabletten, ist keine Entscheidung, die der Großteil der Deutschen überhaupt fällen kann. Das Wasser, das in Deutschland aus dem Hahn kommt, ist sauber – ob es uns gefällt oder nicht – weil der Staat das so entschieden hat. In Entwicklungsländern verbrauchen viele Menschen mehr mentale und emotionale Energie, so Duflo, um zum gleichen Ergebnis zu gelangen, weil sie aktiv entscheiden müssen, ob, wo, wann und wie sie die Chlortabletten (oder eine anderes Instrument, um das Wasser zu säubern) kaufen oder nicht.

Ich wohne zur Zeit in einem Wohnheim in New York City. Wenn ich morgen früh aufstehe, habe ich die Wahl zwischen zwei Bädern mit je drei Toiletten, und das alles mal zwölf, denn so viele Stockwerke hat dieses Gebäude.

Plus ein Besucherklo im Erdgeschoss.

Wenn Msizi morgen aufsteht, hat er die Wahl zwischen seinem Eimer, dem Fluss, den Gassen in Kalanga und den Dixi-Klos.

Diese Optionen müssen sich ausweiten. Eine Toilette mit fließendem Wasser muss als Option hinzukommen, so schnell wie möglich, wegen der oben genannten Probleme. Das steht hier nicht zur Debatte und es ist wichtig, dass der Welttoilettentag darauf aufmerksam macht. Was ich sagen will ist vielmehr: Selbst wenn ich Msizi nicht so gut kenne, kenne ich ihn gut genug um eines zu wissen. Er wäre sauer, wenn jemand sagen oder denken würde, er sei hilflos und habe keine Wahl.

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Ceruti, C. 2013. “Contemporary Soweto. Dimensions of stratification”. In Alexander et al. (eds.) Class in Soweto. Pp. 55–95.Scottsville: University of KwaZulu-Natal Press. P. 58.

2 Die Informationen in dem gekennzeichneten Paragraph stammen aus einem Interview, das ich im August 2013 mit Zithembe im Rahmen eines unabhangigen Forschungsprojekts für meine Masterarbeit zum Online-Chatverhalten junger Leute in Kalanga und Johannesburg geführt habe. Msizi und Zithembe heißen in Wirklichkeit anders. Ihre Namen und die der informellen Siedlung habe ich geändert, um ihre Anonymität und die aller anderen Menschen zu schützen, die an dem Forschungsprojekt teilgenommen haben.

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