Steine werfen? Hände schütteln!

Viktoriya Luchka und Viktoriia Shyvdchenko sind die ersten UN-Jugenddelegierten der Ukraine. In der Ukraine-Krise sei die Diplomatie gescheitert, schreiben viele deutsche Medien. Luchka und Shyvdchenko glauben trotzdem an diesen Weg. Statt zum Maidan in Kiew fahren sie zur UNO in New York. Dort wollen sie die Interessen junger Ukrainer vertreten. Bringt das was?

Der Weg hinein in den riesigen Saal der UN-Vollversammlung in New York war lang für die beiden jungen Frauen aus Kiew. Statt auf dem Maidan ihr Zelt aufzustellen, haben die beiden 22-Jährigen in den letzten Monaten dutzende Emails verschickt, Politiker getroffen, Unterstützer gesucht – um das erste Programm für UN-Jugenddelegierte aus der Ukraine ins Leben zu rufen.

Jugenddelegierte bei den Vereinten Nationen gibt es schon seit 1970. Damals haben die Niederlande als erster Mitgliedstaat Jugenddelegierte in ihre Delegation zu den Vereinten Nationen aufgenommen. In den letzten Jahren genießt das Programm – wie das Thema Jugend allgemein – bei den Vereinten Nationen neue Aufmerksamkeit. Der Hintergrund: Heute gibt es mehr junge Menschen als je zuvor auf der Welt.

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind aktuell rund ein Fünftel der Weltbevölkerung “Jugendliche”, also nach UN-Definition zwischen 15 und 24 Jahren alt. Angesichts des enormen demographischen Gewichts hat Ban Ki-moon die Verbesserung von Lebensbedingungen und erhöhte politische Teilhabe gerade für diese Gruppe bei seinem Amtsantritt 2012 zu einer seiner fünf Prioritäten erklärt. Das Jugenddelegiertenprogramm soll – neben anderen UN-Plattformen wie der Major Group for Children and Youth, eine zivilgesellschaftliche Vertretung speziell für Kinder und Jugendliche – dafür sorgen, dass junge Leute auf die Entscheidungen der Vereinten Nationen mehr Einfluss haben.

Aber die Verantwortung, ein Programm für Jugenddelegierte ins Leben zu rufen, liegt bei den einzelnen Mitgliedsstaaten selbst. Von dort muss auch die Finanzierung kommen. Die einzelnen Staaten legen auch fest, welche Rechte und Pflichten ihre Jugenddelegierten haben, ob sie zum Beispiel in Verhandlungen offiziell für das Heimatland abstimmen dürfen oder nicht. Die meisten Jugenddelegierten nehmen an den Verhandlungen des dritten Komitee teil, das soziale, humanitäre und kulturelle Fragen verhandelt.

In der Ukraine wäre das Programm ohne Luchka und Shyvdchenko nicht entstanden. Ein Q&A zu ihrer ungewöhnlichen Reise nach New York:

UN-Jugenddelegierte – das Programm ist nicht sehr bekannt, zumindest in Deutschland. Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, so etwas für die Ukraine zu starten?

Shvydchenko: Im Sommer 2013 hat uns ein Freund davon erzählt, der für sein Land schon Jugenddelegierter war. Wir sahen sofort die Chance, die das für uns und andere junge Ukrainer bringen würde, denn…

Luchka: … leider gibt es in der Ukraine keine stabilen Mechanismen, die jungen Leute eine echte Teilhabe an politischen Entscheidungen und im politischen System ermöglichen.

Während ihr am planen wart, kam die Revolution dazwischen. Was passierte in dieser Zeit?

Luchka: Die Idee hatten wir schon vor der Winterrevolution in der Ukraine. Zu dem Zeitpunkt hatten wir schon alles zu Papier gebracht, aber wir waren nicht sicher, wer für die Idee der richtige Ansprechpartner wäre – und nebenher waren wir ja auch noch am studieren. Deshalb vergingen einige Monate, bis wir mit dem Ukrainischen Ökonomen und Philanthropen Bohdan Hawrylyshyn und seiner Stiftung einen finanziellen Unterstützer fanden. Danach begannen das Lobbying und Gespräche mit Vertretern des Außenministeriums. Das war nicht einfach – die Annexion der Krim, Krieg mit Russland im Osten der Ukraine, eine Krisensituation, die unserem Außenministerium eine gewaltige Menge Arbeit bescherten. In dieser Situation dauerte es eine Weile, bis wir unser Anliegen hochrangigen Ministeriumsvertretern erklären konnten. Zum Beispiel mussten wir Briefe an mehrere verschiedene Außenminister schreiben, weil sie zu der Zeit ständig wechselten.

Shyvdchenko: Am 10. Oktober 2014 wurden wir dann aber endlich als Mitglieder der offiziellen UN-Delegation der Ukraine anerkannt.

In den Medien hieß es immer wieder, die Revolution in der Ukraine wurde vor allem von jungen Leuten vorangetrieben. Ihr, als junge Frauen, wollt bei den Vereinten Nationen mitreden können. Seht ihr Parallelen?

Luchka: Was die Medien über das Gewicht von jungen Leuten für die Revolution schreiben, stimmt. Das trifft aber nicht nur auf die Ukraine zu. In den letzten Jahren haben junge Menschen sich zu einer machtvollen Kraft organisiert und gezeigt, dass sie politische Entscheidung auf höchster Ebene durch soziale Netzwerke beeinflussen können. Das UN-System und einige andere große internationale Organisationen müssen dringend reformiert werden.

Shyvdchenko: Die Beteiligung von jungen Leuten an diesem Prozess ist essentiell. Und in der Ukraine, wo Grundsätze der internationalen Ordnung gerade hinterfragt und modfiziert werden, ist die Beteiligung von jungen Leuten daran genau so wichtig. Nach der Revolution ist das Interesse junger Ukrainer an der Weltpolitik stark gewachsen, es ist so groß wie noch nie – da gibt es viel Potential und Leidenschaft, die darauf warten, etwas verändern zu können. Meiner Meinung ist dieser Prozess, dass mächtige Organisationen junge Leute allmählich besser einzubeziehen, weil es nun einmal sie sind, die die Zukunft bestimmen, ein revolutionärer Vorgang. Einer, den in der nahen Zukunft jede Regierung und internationale Organisation durchlaufen wird.

Danke für das Gespräch.

Viktoriia Shvydchenko, 22, stammt aus Chernigiv im Norden der Ukraine, lebt aber seit 4 Jahren in Kiew. Viktoriya Luchka, 22, kommt aus Lviv in der West-Ukraine. Ich habe die beiden Frauen im November 2014 in New York bei den Vereinten Nationen kennen gelernt. Unser Gespräch haben wir später per email fortgeführt.

Einen “revolutionären Vorgang” nennt Shyvdchenko das Bestreben von großen internationalen Organisationen, junge Menschen besser in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Was sagen die Jugenddelegierten aus Deutschland, Celina Greppler und Ozan Solmus, dazu?

Während bei Shydchenko und Luchka die Begeisterung für das Programm zu überwiegen scheint, üben Greppler und Solmus auch Kritik: In Ihrer Rede vor der UN-Vollversammlung machten die beiden deutschen Jugenddelegierten klar, dass sie nicht primär über ihr Alter definiert werden wollen – und dass die Funktion von Jugenddelegierten keineswegs nur darin besteht, ausschließlich bei „Jugendthemen“ mitzureden: „We are (…) young people, who do not want to be defined mainly by their age. (…) Age is just one feature of us.“

Ich konnte im Herbst als Carlo-Schmid-Stipendiatin bei UNDP in New York live miterleben, dass diese Forderung, die Identität der Jugenddelegierten als multidimensional anzusehen, vielen in der Ständigen Vertretung Deutschlands bei den Vereinten Nationen zu theoretisch und kompliziert erschien.

Liegt vielleicht an der Konsequenz, die diese Sicht der Dinge nach sich ziehen würde: Die Jugenddelegierten könnten dann nicht länger als Symbol-Jugendliche gesehen werden – nach dem Motto „Box getickt, jetzt haben wir ja gezeigt, wie gut wir die Jungen integrieren“. Stattdessen müssten die „Erwachsenen“ in Machtpositionen dann akzeptieren, dass die Jugenddelegierten nicht nur beim International Youth Day und Jugendarbeitslosigkeit mitreden wollen – so wichtig diese Themen sind – sondern auch bei Waffenhandel, Energiepolitik, militärischen Interventionen.

Ich bin gespannt, wie es mit dem UN-Jugenddelegiertenprogramm weitergeht.

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