Unechter Flüchtling gesucht

Alle reden von ihnen, keiner kennt einen.

Der internationale Ausschuss der Stadt Stuttgart tut es. Nur 30% der Kinder in den Vorbereitungsklassen für Schüler mit wenig Deutschkenntnissen seien „echte Kriegsflüchtlinge“, habe ich vor etwa zwei Wochen in einem Sitzungsdokument gelesen. Die anderen 70% müssen also unecht sein.

Das Regierungspräsidium in Darmstadt tut es. Ein Mitarbeiter des Präsidiums sprach dort vorletzte Woche bei einem Journalistenworkshop zur Asylpolitik der EU von „echten Flüchtlingen“. Dabei hat er die Anführungsstriche mit den Fingern nachgeahmt.

Mark Hauptmann, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Thüringen, tut es – zumindest indirekt. Er redet laut MDR von „wirklich hilfebedürftigen Flüchtlingen“ im Gegensatz zu den anderen.

Die unechten Flüchtlinge tummeln sich scheinbar überall. Kann ja wohl nicht so schwer sein, mal einen zu Gesicht bekommen. Vielleicht liegt mein Scheitern daran, dass ich nicht zwischen einem echten und einem unechten unterscheiden kann.

Dabei ist das doch kinderleicht! Die unechten, wie mir jemand in Stuttgart-Vaihingen letztens auf der Straße erklärte, kommen aus Ländern, „wo nun wirklich nichts ist“ (Zitat Passant), zum Beispiel aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.

Echte Flüchtlinge dagegen zeichnen sich zu einem Großteil durch ihre dunkle Hautfarbe aus, sie kommen meines Wissens nach fast ausschließlich aus Afrika, und es muss auf jeden Fall Krieg, am besten noch Folter, Vergewaltigung oder etwas Vergleichbares aus dieser Kategorie mit im Spiel sein, das ihre Echtheit begründet.

Sprich die echten Flüchtlinge kommen, weil sie keine andere Wahl haben. Die unechten dagegen hätten durchaus Alternativen gehabt, und genau darin scheint ihr Vergehen zu liegen.

Drei Punkte zu agency und structure von Migranten, die gegen diese offenbar weit verbreitete Denkweise sprechen:

1) Structure und Agency, was sich wohl am besten mit „Strukturen/Zwängen“ und „Handlungsspielraum“ übersetzen lässt, formen sich gegenseitig und sind fast unmöglich zu trennen, siehe Anthony Giddens.

Der Migrationsforscher Jorgen Carling macht einen ähnlichen Punkt für Migranten. Er unterscheidet zwischen der „aspiration to migrate“ und der „ability to migrate“ und zeigt, dass beide sowohl von agency als auch structure geformt werden – wo das eine aufhört und das andere anfängt, ist nicht klar. Zum Beispiel: Gewalt, Dürre, Armut an einem Ort, die wohl erst einmal als „structure“ gelten würden, laufen immer durch den Filter lokaler Interpretationen und individuellen Verständnisses (agency also, wobei ich beim zweiten Mal Überlegen auch schon zögere, ob nicht selbst innerhalb dieses Filters wieder agency und structure, z.B. wie sehen es die anderen, mit im Spiel ist).

„For instance, an area of emigration can be marked by unemployment, drought or violence, but people’s whish to emigrate is a result of their own understanding of these problems rather than a straightforward function of unemployment rates and precpitation figures“ schreibt Carling. Die „aspiration to migrate“ entsteht also aus einem Zusammenspiel von structure und agency.

2) Abgesehen von den Fokuspunkten aspiration/ability kann man den Mix von structure und agency auch innerhalb der Reisewege individueller Migranten sehen. Das fiel Joris Schapendonk in der Forschung mit einzelnen Migranten, die von Subsahara-Afrika nach Europa wollten, auf.

Die Reise sei stark fragmentiert und bestünde sowohl aus agency als auch aus Phasen des ungewollten Wartens, zum Beispiel wegen Geldmangel oder Verhandlungsproblemen mit Schleppern (also eher wieder Aspekte von structure): „[…] Migrants’ decisions are only one of the many factors that affect the trajectory. Migrants’ trajectories are not closed-off corridors but open and process-like phenomena. They are influenced by, among others, the trajectories of other people, objects, capital, rules and information.“

Steckt also ein bisschen Freiwilligkeit und ein bisschen Zwang in jedem Flüchtling und ihrem/seinem Weg? „Migration trajectories are not only about mobility, but even so about periods of rest, re-orientation and (un)expected and (un)intended temporary or long-term settlements“, schreibt Schapendonk.

3) Die weit verbreitete Unterscheidung zwischen echten und unechten Flüchtlingen nimmt an, dass bei echten Flüchtlingen auf structure (a) der Effekt Flucht (b) als logische Folge folgt. Bei unechten Flüchtlingen dagegen hätte es zu b auch noch ganz viele andere sozusagen humanitär vertretbare Alternativen gegeben, zum Beispiel zu Hause bleiben und in einer anderen Branche einen Job suchen. Dieses schöne schwarz-weiß Schema gerät durcheinander, wenn man die Vorstellung zulässt: Es könnte ja auch andersrum sein. B könnte a beeinflussen.

„Because people have agency, their mobility is also a potential force for structural change, because it can play an important part in altering the social and economic conditions in both sending and receiving localities, regions and countries“, schreibt Migrationsforscher Hein de Haas.

(Die brain-gain und remittance-Euphorie der 2000er Jahre ist zwar vorbei, und die Vorstellung, dass remittances eine Volkswirtschaft komplett umkrempeln können, ist mehr oder weniger widerlegt. Dennoch sollte der Effekt von b auf a nicht völlig abgetan werden.)

So. Boah. Plötzlich kling es alles bisschen kompliziert. Mist. Unecht vs. echt ist zu simpel, um der Wirklichkeit gerecht zu werden.

Das heißt natürlich keineswegs, dass der rechtliche Schutz von Flüchtlingen unter der Genfer Flüchtlingskonvention aufgeweicht oder an ihm gerüttelt werden sollte. Die Konvention definiert einen Flüchtling als Person, die „ … aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will …”. Diese Rechtsgrundlage ist unabdingbar, darauf hat auch Ludger Pries bei den Flüchtlingsgesprächen im Literhaus Stuttgart vor einigen Wochen hingewiesen.

Dennoch glaube ich: Mit dem echt vs. unecht Unfug aufzuhören – zumindest im Kopf – und zu akzeptieren, dass Migration immer ein Mix aus agency und structure ist, würde uns helfen, Flüchtlinge weniger als „hilflose Opfer“ anzusehen und sie mehr und schneller als Teil unserer Gesellschaft zu akzeptieren. Als Leute, die hier einen Job finden können und werden, die bei der Kehrwoche mitmachen (haha) und die Fähigkeiten und Wissen mitbringen, von denen jeder andere noch was lernen kann.

Letztes Forscher-Zitat für heute, versprochen, von Oliver Bakewell: „Understanding the relationship between structure and agency […] continues to play a central role […] in shaping the policy responses to people’s movements.“ Wie wir über structure und agency von Migranten denken, verändert definitiv unsere Politik und Einstellung ihnen gegenüber.

Carling, J. 2010. „Migration in the age of involuntary immobility: Theoretical reflections and Cape Verdean experiences“. Journal of Ethnic and Migration Studies 28 (1): 5-42.

Schapendonk, J. 2012. „Turbulent Trajectories: African Migrants on Their Way to the European Union“. Societies 2(2):27-41.

de Haas, Hein. 2009. „Mobility and Human Development“. Human Development Research Paper 2009/01. New York City: UNDP, 1-24.

Bakewell, O. 2010. “Some Reflections on Structure and Agency in Migration Theory.” Journal of Ethnic and Migration Studies 36: 1689-1708.

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